Fragt man, ob sie sich als Malerin betrachte, hält Klodin Erb kurz inne. «Bin ich Malerin?» wiederholt sie. «Ganz allgemein würde ich sagen: Ja. Denn meine Überlegungen beginnen stets mit dem Bild.» Ihr Werk, formuliert sie, «befasst sich immer damit, was ein Bild eigentlich ist – und wie wir damit umgehen können.» Das bedeutet jedoch nicht, dass Erbs Werk ausschliesslich aus Gemälden besteht. Tatsächlich umfasst es auch Bildhauerei, Fotografie, Collagen und Videos. Jedoch erklärt sie: «Sogar in meinen Videos spiele ich ein bisschen mit Malerei und versuche, aus ihren Grenzen auszubrechen. Im Allgemeinen suche ich einen spielerischen Zugang – wie können wir weitermachen?»
Nehmen wir nur einen Film wie «Ein Langer Tag» (2018) aus der Kunstsammlung Julius Bär. Er zeigt einen langen Spaziergang in einer idealisierten Pastorallandschaft. Poetisch und lässig zugleich ist er trotz seines einfachen Aufbaus höchst faszinierend. Jedoch ist dieser Film nicht nur technisch gesehen ein bewegtes Gemälde, denn Erb schob die Kamera langsam entlang eines vielschichtigen Gemäldes auf Glas (wodurch die verschiedenen Schichten entstanden). Er ist zugleich eine deutliche Auseinandersetzung mit der Geschichte der Landschaftsmalerei und ihrer Fähigkeit, räumliche Tiefe zu simulieren und Atmosphäre zu schaffen. Man könnte den titelgebenden langen Tag sogar als Hinweis auf das lang andauernde Leben des Mediums der Malerei an sich interpretieren.
Ausweitung der Leinwand
«Ein langer Tag» ist aktuell in Erbs Ausstellung «Vorhang fällt, Hund bellt» im Aargauer Kunsthaus zu sehen. Es handelt sich um ihre bisher grösste institutionelle Einzelausstellung, die ihrerseits «selbst wie ein Film organisiert ist», wie die Künstlerin meint. «Jeder Raum ist anders inszeniert, fast wie an einem Drehort.» In den einzelnen Kulissen begegnen wir den verschiedenen Facetten von Erbs vielgestaltiger Praxis, die zwar um die Malerei und um Maltechniken, -geschichten und -sensibilitäten kreist, aber weit über die Grenzen der Leinwand hinausgeht. Hier wird die Malerei in eine Szenerie eingebettet und auf eine Bühne gestellt – als exemplarisches Modell des Nachdenkens in, durch und über Bilder.
Manchmal geschieht die Ausweitung der Malerei im ganz buchstäblichen Sinn. Als Beispiel hierfür lässt sich die Serie «venusinfurs» (2022/23) anführen, eine der attraktivsten und betörendsten Serien, die Erb in den letzten Jahren geschaffen hat. Die bunte Bilderwelt auf diesen grossformatigen Werken thematisieren nackte Frauenbeine, die oft zum Teil von Pelz, Haar oder Textilien verdeckt werden. Mitunter scheint es, als wären diese Beine aus einer eigenartigen Ich-Perspektive auf den eigenen Körper gemalt worden. So wird das sinnliche Motiv zum feministischen Statement: nicht nur, dass die Frau (kunstgeschichtlich typisch) auf der Leinwand abgebildet wird, sie ist auch (weniger typisch) diejenige, die das Bild malt. Ausserdem versieht Erb die Bilder mit einer Umrandung aus bunten, rüschigen, glänzenden Stoffen. «Für mich ist die Arbeit mit Stoff eine Fortsetzung der Malerei», sagt Erb. Durch die Rüschen erhalten die Bilder ein zusätzliches materielles Element, dass den Bildraum der Leinwand buchstäblich in den Raum entfaltet und ausweitet.
Gespenster der Vergangenheit
Erbs Umgang mit dem Malen war nicht immer so spielerisch und frei wie jetzt. Ihre Beziehung zu dem Medium ist von einer langen und komplizierten Geschichte geprägt, von verschiedenen Phasen der Distanzierung und der Annäherung – fast ein wenig wie die ständige Hin- und Herbewegung vor der Leinwand, die der Maler im performativen Prozess des Malens vollziehen mag. Anfang der 1990er-Jahre, kurz nach Abschluss ihres Studiums an der Zürcher Hochschule der Künste, beschloss die Künstlerin, all ihre bisher entstandenen Werke – zum Grossteil Gemälde – zu vernichten. Sie fühlte sich einfach ausserstande, etwas Neues zu diesem uralten und sehr traditionellen Genre beizutragen.
Nach diesem kathartischen Akt versuchte sie sich an Installationen mit einer viel verhalteneren und starreren Formsprache, die sich aus dem Minimalismus und der Konzeptkunst der 1960er- und 1970er-Jahre ableitete. Während dieser Zeit wandte sich Erb Elementen der Raumausstattung wie Raumteilern, Paravents und – teils mit Streifen, Rastern oder Blumendekor bedruckten – Stoffen zu. Ausserhalb der Malerei ist dieses Vokabular traditionell eher im Kunsthandwerk oder dem häuslichen Umfeld verortet – also in Bereichen, die viel stärker mit «Frauenarbeit» assoziiert werden.
Mitte der 2000er-Jahre griff Erb jedoch wieder zu Farbe und Pinsel und beschloss, sich erneut an traditionellen Formen der Malerei zu versuchen. Obwohl einige ihrer Werke aus dieser Zeit noch den Fokus auf Stoffe und Interieurs legen, malte sie diese nun häufig in einem eher klassischen Stil. Die Julius Bär Kunstsammlung enthält einige Werke aus dieser Phase wie eine Leinwand ohne Titel sowie «Das Kleid», beide 2007 entstanden.
Beide Werke zeigen dunkle und relativ klassische bürgerliche Interieurs. Im Mittelpunkt des ersten erscheint eine liegende, verstörend kopflose Silhouette in einer Pose, die an zahllose historische Frauendarstellungen erinnert. Das zweite Bild zeigt eine sitzende Figur in einem voluminösen, sich bauschenden Kleid von weisslicher Farbe – auch bei dieser fehlt der Kopf. Die beiden Werke haben nicht nur gespenstische Figuren zum Inhalt, sie erscheinen selbst ein wenig wie Gespenster: Überbleibsel von und Erinnerungen an jene uralte künstlerische Praxis der Malerei, die bereits für tot und begraben erklärt worden war, jedoch dem Grab entstieg und ein verblüffendes Comeback vollzog.
Unter einem Himmel
Erbs Werk, das sich grossteils in jeweils bestimmten Themen gewidmete Serien gliedert, erscheint heute als durchdrungen von Geschichte und vom Wissen über die verschiedenen Traditionen der Malerei. Dennoch wirkt es unglaublich lebendig, offen, ja bisweilen sogar witzig und humorvoll. «Im Vergleich zu den 1990ern ist mein Verhältnis zur Malerei heute unheimlich frei», sagt Erb. «Ich habe längst gelernt, mein eigenes malerisches Vokabular zu akzeptieren und einfach loszulassen.» Ein kurzer Blick auf einige ihrer Werke aus den letzten 10 bis 15 Jahren offenbart eine erstaunliche Breite und Spannweite in Bezug auf visuelles Repertoire, Techniken sowie die verschiedenen Bewegungen innerhalb, ausserhalb und am Rande des Mediums Malerei an sich.
Erbs Bildsprache enthält serielle Nachahmungen eines berühmten Selbstporträts von Rembrandt – teils geradezu ulkig mit langer, spitzer Nase oder einer eingefügten Zigarette, teils mit einem Gesicht, das sich in pointillistischen Tupfern oder breiten Pinselstrichen fast auflöst («REM», 2012). Sie enthält aber auch poetische und karge Experimente mit zerlaufender Tinte in Blau- und Malventönen auf Leinwand («Transformation», 2016/17) sowie halbabstrakte Bilder, die eine als Nachleuchtfarbe bezeichnete Farbart verwenden (etwa «Die Parade», 2021, aus der Julius Bär Kunstsammlung). Wiederholt greift sie die Bildsprache der Emojis auf. Ein Film und ein ganzer Komplex begleitender Bilder sind um das Motiv der Zitrone angelegt – ein Element der klassischen Stilllebenmalerei, aber auch ein humorvoller Platzhalter und ein Alter Ego der Künstlerin selbst («The Sweet Lemon Ballad», 2016).

Klodin Erb (*1963), «Die Parade» (2021), Tusche, Pigmente (Nachleuchtfarbe), Öl und Acryl-Sprayfarbe auf Leinwand, 170 x 160 cm, courtesy die Künstlerin und die Julius Bär Kunstsammlung
Insgesamt ist Erbs Zugang zur Malerei dezidiert feministisch. Abgesehen von der häufigen Verwendung von Stoffen und Materialien, die traditionell mit Frauenarbeit verbunden werden, spricht sie auch das Thema der weiblichen Repräsentation an. Als besonders markantes Beispiel dafür sei «Alle wissen es» (2012) genannt: eine Serie dunkler, bräunlicher Gemälde in Acryl- und Ölfarben mit Asphaltlack, die lesende Frauen in gedämpftem Licht in verschiedenen Stadien der Gegenständlichkeit oder Abstraktion zeigen. «Frauen war das Lesen lange verboten», sagt Erb. «Stattdessen mussten sie ständig sticken oder ähnliche Aufgaben erledigen.» Die Serie bildet aktuell einen Teil der Ausstellung «Toutes le savent, même les anges», einer zweiten Soloschau Erbs im Musée des Beaux-Arts in Le Locle, in der auch ihre neueste Werkgruppe «Planetarium» (2025) zu sehen ist – eine Serie grossformatiger, freistehender Leinwände, die mythologische Sternzeichen und Geschöpfe zeigen. Erb entschloss sich, jeweils drei Bilder aus der Serie in Le Locle und drei in Aarau auszustellen, um beide Ausstellungen zu verbinden: «Sie greifen metaphorisch über den ganzen Himmel von einem Museum zum anderen.»
Eine Erfindung des Ichs
Einen besonderen Platz in ihrem umfangreichen Werk nehmen Themen und Motive ein, die mit Metamorphose, mit dem Ineinanderübergehen und Verschmelzen von Dingen zu tun haben. Da gibt es tanzende Rote Bete und andere Gemüsearten, die sich in dynamischen, wirbelnden Bewegungen miteinander fast bis zur Bildung eines neuen kollektiven Körpers verbinden und vermischen («Kräfte und Säfte», 2021); es gibt «Nixen» (2023), teils weiblich, teils männlich, teils fischartig, teils sich in Abstraktion auflösend; es gibt den antiken Mythos von «Leda und dem Schwan» (2024), erzählt von Ovid in seinem berühmten Hauptwerk «Metamorphosen»; und dann ist da noch «Orlando» (2013–2021), eine der beeindruckendsten und umfangreichsten Serien der Künstlerin, die fast 200 Werke umfasst.
Den Anstoss für die Serie lieferte Virginia Woolfs gleichnamiger Roman aus dem Jahr 1928, dessen Hauptfigur auf geheimnisvolle Weise durch die Jahrhunderte wandelt und einmal sogar das Geschlecht wechselt. Abgesehen von der Geschlechterkomponente, so Erb, sei die Geschichte «auch eine von reisenden Seelen». Ihre Serie versammelt zahllose Porträts: Popkultur-Figuren wie Daisy Duck oder einen Ausserirdischen aus James Camerons Film «Avatar» (2009), komisch kubistische Köpfe, Katzen, Schafe, Kinder, Roboter, Hunde, Auseinandersetzungen mit hochgeschätzten Motiven der Kunstgeschichte und vieles mehr. «Alles ist mit allem verbunden», fasst die Künstlerin den Gedanken hinter der Serie zusammen, «und ich glaube fest daran, dass wir zu grossen Teilen aus unseren Verbindungen zu unseren Vorfahren, zur Gesellschaft, zur Geschichte, zur Natur bestehen. Diese Verbindungen sind es letztlich, die mich interessieren», fügt sie hinzu, «und nicht das Ding, das wir ‹das Selbst› nennen.»
In dieser Hinsicht kann Malerei einen einzigartigen Raum für Freiheit bieten: eine Art, sich der Welt zu nähern, Dinge zu nehmen und sie sozusagen auszuschneiden, indem man sie auf einer Leinwand abbildet, nur um sie immer wieder aufs Neue zu verbinden. Sie ist eine Praxis, die ebenso streng und analytisch wie intuitiv und spielerisch ist. «Malerei», so Erb, «ist immer eine Erfindung des Selbst. Sie ist ein Medium, das ungeheuer einfach und zugänglich ist und es einem ermöglicht, Dinge schnell zu machen – und sie wieder zu übermalen.» Von dieser Warte aus betrachtet ist die Malerei mit all ihrem Ballast und ihrer komplexen Geschichte, aber auch ihrer Schlichtheit und rudimentären Ausstattung ein einzigartig wirkungsvolles Werkzeug. Nicht nur, um unsere Welt zu verstehen, sondern auch, um neue Welten zu erfinden.
Nicht verpassen: die Ausstellungen «Klodin Erb. Vorhang fällt Hund bellt» im Aargauer Kunsthaus, Aarau, bis 4. Januar 2026, und «Klodin Erb» im Musée des Beaux-Arts Le Locle – MBAL, bis 1. März 2026.
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