Grossmutters Garten in Martinique

Liebevoll erzählt der in einem Vorort von Paris aufgewachsene Lucas Erin von seiner Grossmutter und ihrem Garten auf der karibischen Insel Martinique, von seinen Erlebnissen und Erinnerungen. Wie die Familie mit Bekannten auf der Veranda als Ort des sozialen Austauschs sitzt und diskutierend die Vorkommnisse im Garten betrachtet. Im Einklang mit der Natur werden die stündlichen, täglichen und saisonalen Veränderungen der üppigen Flora und Fauna beobachtet: der Garten mit seinen Blumen, Bäumen, Büschen und Tieren ist Lebensquell und respektabler Teil des Daseins zugleich und wird in morgendlichen Rundgängen – la ronde – erkundet. Kolibris flattern ins Haus, um noch den letzten Tropfen einer Flasche gefüllt mit süssem Trank (‘Zalimet’, 2024, Julius Bär Kunstsammlung) zu ergattern, bevor sie zurück in die Natur fliegen, Mangobäume blühen und versprühen ihre Energie, Pflanzen werden geerntet, dienen als Nahrung oder werden als Heilmittel eingesetzt. Ein wichtiger Faktor ist die Zeit, die Geduld und der damit verbundene Prozess der Entwicklung. Ebenso ist die Blumeninsel Martinique, ein französisches Überseedepartement, von Zeitlichkeit geprägt, von seiner kolonialen Geschichte und deren Auswirkungen wie auch vom Klimawandel.

Lucas Erin (*1990), ‘Zalimet’, 2024, Bronze, Glas, Wachs und Band, 45 x 13 cm, courtesy des Künstlers und der Julius Bär Kunstsammlung

Metapher des Lebens

In der Werkgruppe ‘Fey-Tol, Lyannaj’, 2026, von der die Julius Bär Kunstsammlung eine Arbeit erworben hat, ranken Pflanzenstängel in Form von bunten Kabeln an denen bronzeschimmernde Blüten auf gebrauchten, oxidierten Wellblechrechtecken hängen, deren Patina eine poetische Aura verströmt. Die Blüten – kinetische Objekte – denen die zarten Blätter von Zeit zu Zeit abfallen, verschmelzen mit dem Boden, bis der Zyklus erneut beginnt. Erin erzählt von den im Garten wachsenden Mangobäumen, die normalerweise zwischen Januar und April blühen, jedoch aufgrund des sich wandelnden Klimas meist dauerhaft Blüten produzieren. Die als Hausbedachungen dienenden Wellbleche prägen die Landschaft Martiniques. Bei starken Hurrikans, denen die Vulkaninsel zusehends häufiger ausgesetzt ist, schützen sie nicht nur die Bewohner, sondern können ebenso gefährlich werden, wenn sich das Blech vom Haus löst und messerscharf durch den Wind fetzt. Beim Rundgang durch die Ausstellung, der Gartenrunde ähnlich, begegnet man an der Wand kleinen Schmelztigeln aus denen ein winziger Tropfen fliesst. Mithilfe der Gefässe goss Lucas Erin die fragilen, metallfarbenglühenden Blüten: Der letzte Tropfen – eine Metapher dafür, dass die Erinnerung weiterlebt und zirkuliert: Aus Altem wird Neues.

Lucas Erin (*1990), ‘Fey-Tol, Lyannaj II’, 2026, Kabel, Bronze Eisen und Holz, 180 x 200 cm, courtesy des Künstlers und der Julius Bär Kunstsammlung

Zwei Seiten einer Medaille

In einem Winkel befindet sich ein Stuhl, der das Ausruhen und Zusammentreffen auf der Veranda symbolisiert. Der Künstler lädt die Besucher:innen ein, spielerisch aktiv an seinen Arbeiten teilzunehmen, auf dem Stuhl Platz zu nehmen oder daran vorbeizugehen oder einfach: das Werk zu betrachten. Für Lucas Erin ist der interaktive Austausch essenziell. Wie individuell Menschen auf Werke und Situationen reagieren, weckt seine Neugierde. In der Arbeit ‘Hochet’, 2025, der Julius Bär Kunstsammlung, hängt ein weisser Boxsack von der Decke, darüber gebogene Metallstäbe, an denen Schweizer Kuhglöckchen befestigt sind. Eine ambivalente Arbeit, die sowohl meditativ, frustrationslösend, gar Gewalt bergend als auch zärtlich wirkt: Entweder wird das hängende Objekt eingehend betrachtet oder Besucher:innen versetzen dem Sack in einem gewalttätigen Akt einen Hieb, schrecken aufgrund des Geläutes auf, umarmen diesen sogleich, um die Töne verklingen zu lassen. Die in der Sammlung vertretene Arbeit ‘Native Sun’ aus dem Jahr 2024 zeigt ebenfalls diese Ambiguität: eine aus Bronze gegossene Medaille an einem roten Seidenband ehrt den Sieger eines Wettkampfs. Doch gibt es zwei Seiten einer Medaille: Ein Sieger impliziert stets einen Verlierer.

Lucas Erin (*1990), ‘Hochet’, Boxsack, Stahl, Messing und oxidierte Bronze (Mobile), 52 x 91 x 83 cm, Höhe variabel, courtesy des Künstlers und der Julius Bär Kunstsammlung

Lucas Erin (*1990), ‘Native Sun’, 2024, Bronze, Band, thermolackierter Stahl, 60 x 31 cm, courtesy des Künstlers und der Julius Bär Kunstsammlung

Koloniale Geschichte spürbar

Nebst der Liebe zur Familie, zur Natur und zu den Fundstücken, denen neues Leben eingehaucht wird, schwingt in Erins Kunstwerken stets der Kolonialismus mit seinen Folgen für die Insel Martinique und deren Einwohner mit. Auf der Veranda, die der Familie als ein Ort der Intimität und des geselligen Miteianders dient, versammelten sich einst Plantagenbesitzer. Ein politischer Schauplatz, der Sklaven verwehrt war. Die zauberhaft wirkenden, herabfallenden Blütenblätter aus Bronze erinnern an Umstürze von Bronzedenkmälern als Sinnbilder gewalttätiger Kolonialgeschichte. Die Entfernung kolonialer Statuen auf Martinique im Zuge der Black-Lives-Matter-Bewegung inspirierten den Künstler zur Gestaltung der strahlenden Bronzemedaille mit farbigem Band.

Lucas Erins Schaffen verzahnt persönliche Erinnerungen mit kollektiver Geschichte, schafft mittels Symbole und Metaphern Brücken, lässt Dinge zirkulieren, verwandelt Gebrauchtes in Magisches und verweist subtil auf Formen der Renitenz gegenüber gesellschaftlichen Normalisierungsprozessen.

Verpassen Sie nicht die Ausstellung ‘Lucas Erin. La ronde’, Manor Kunstpreis Waadt 2026, Musée cantonal des Beaux-Arts, Lausanne, bis zum 14.02.2027.

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