Ingeborg Lüschers Lebenswerk hätte im wahrsten Sinne des Wortes für zwei gereicht. Bevor sie sich in den späten 1960er-Jahren entschloss, ihr Leben den bildenden Künsten zu widmen, war Lüscher als Schauspielerin tätig gewesen. «Tatsächlich hegte ich schon immer grosse Begeisterung für die Schauspielerei», erzählt sie mir bei einem Telefonanruf aus ihrem Zuhause im Tessin, wo sie seit 1967 wohnt. «Gleich von Anfang an bekam ich grosse Rollen im Fernsehen und auf der Bühne. Nichts deutete darauf hin, dass ich diesen Beruf jemals aufgeben würde», fügt sie noch hinzu. Lüscher wurde 1936 im sächsischen Freiberg geboren. Ende der 1940er-Jahre übersiedelte ihre Familie in den Westteil Berlins. Aber dann änderten sich die Dinge. 1967 lernte sie bei den Dreharbeiten zu einem Film einige Dissident*innen kennen, die ein Jahr später am Prager Frühling beteiligt waren – einer kurzen und schnell wieder unterdrückten Reformbewegung in der sozialistischen Tschechoslowakei. Diese Begegnung beeindruckte sie tief und veränderte ihr weiteres Leben erheblich.

«Was mache ich schon verglichen mit ihnen?» erinnert sie sich an ihre damaligen Gefühle. «Ich spreche die Texte von anderen. Ich folge den Anweisungen von Regisseur*innen.» Also entschloss Lüscher sich zu einem radikalen Umbruch. Kurz nach ihrer Rückkehr ins Tessin mietete sie das alte Locarno-Atelier von Hans Arp, Mitbegründer des Dadaismus und eine zentrale Figur der europäischen Avantgarde in der Zeit zwischen den Weltkriegen. Lüscher wollte als Künstlerin die Dinge selbst in die Hand nehmen – nicht mehr die Texte anderer sprechen, sondern nur noch den eigenen Anweisungen folgen. Dennoch habe sie es «nie bereut, Schauspielerin geworden zu sein», wie sie in unserem Gespräch deutlich betont. «Ich habe meinen ersten Beruf mit grosser Leidenschaft ausgeübt», sagt sie, «ich war nahezu eins mit ihm. Aber jetzt war etwas Anderes wichtig geworden.»

«Eins sein mit etwas» und konsequent dem folgen, was man für wichtig hält: Das klingt nach einer treffenden Beschreibung für Lüschers intuitiven und dabei teilnahmsvollen und aufgeschlossenen Zugang zum Leben im Allgemeinen und zur Kunst im Besonderen. Es verrät auch viel über die Nähe zwischen ihrer Arbeit und ihrer Biografie. «Was ich mache, muss einen Bezug zu meinem Leben haben», beschreibt sie ihr damaliges Leitprinzip, «es muss etwas mit mir zu tun haben. Sonst gäbe es für mich keinen Grund, mich mit Kunst zu befassen.» Ihr Ansatz zeigt die Bereitschaft, Veränderungen herbeizuführen, indem sie gewissermassen den Zufall annimmt und sich durch Begegnungen und Situationen verändern lässt. In mancher Hinsicht entspricht ein solcher Ansatz sicherlich auch den speziellen Umständen vieler Künstlerinnen in dieser Zeit. «Die beruflichen Laufbahnen von Frauen aus der Generation Ingeborg Lüschers», schrieb die Kuratorin Bettina Steinbrügge kürzlich in einem Essay über Lüschers Werk, «sind häufig von Unterbrechungen geprägt, d. h. sie verlaufen weniger kontinuierlich als diejenigen von Männern und werden maßgeblich durch die individuellen Lebensverläufe sowie die damit einhergehenden Zäsuren bestimmt.»

Bald fand Lüscher ein Element (oder Medium), das wie kein anderes Veränderung und Transformation zu verkörpern scheint: Feuer. «Mich faszinierte der Zwiespalt des Feuers zwischen Zerstörung und Schöpfung», erklärt Lüscher. Bei vielen ihrer ersten Arbeiten setzte sie Feuer ein oder fand überzeugende Bilder für die Kraft der Flammen. Ihre sogenannten «Inboxes» (1968/69) bestehen aus geschichteten Styroporplatten, die sie teilweise verbrannte, ablöschte und mit verschiedenen Farben bemalte; so entstanden «Guckkästen» mit geschmolzenen und abstrahierten Miniaturlandschaften – sozusagen ein Blick in die Zukunft und fruchtbarer Boden für Neues. Einige dieser Werke sind jetzt in «Flammes» zu sehen, Lüschers treffend betitelter Ausstellung im Centre culturel suisse in Paris. Sie zeigt auch Beispiele eines weiteren emblematischen Frühthemas ihrer Arbeit: Collagen und Objekte aus unzähligen Zigarettenstummeln, die Lüscher im Lauf der Jahre von Freund*innen und Bekannten gesammelt hat. «Jeder Stummel enthält etwas von der Person, die ihn geraucht hat, den Teil einer Biografie», erklärt sie den Reiz, den dieses ungewöhnliche Material auf sie ausübte. «Ein Zigarettenstummel ist Ausdruck eines gelebten Lebens.»

Ein entscheidender Faktor für Lüschers nach aussen gerichteten Ansatz bestand darin, dass sie während des gesamten Suchprozesses nach ihrem eigenen künstlerischen Ausdruck stets andere in ihre Arbeit einbezog, sich an sie wandte, sie wertschätzte und letztlich ihre ganz persönliche Reise zu den Menschen um sich herum ins Verhältnis setzte. Aus heutiger Sicht zeigt sich darin eine bemerkenswert selbstrelativierende Reaktion auf das Bedürfnis nach Unabhängigkeit, die es vermied, die Autonomievorstellung an ein vollkommen losgelöstes und in sich gekehrtes Selbst zu binden. Man denke nur an «Das Gästebuch» (1973–1989) – eine Werkreihe, in der sie Gäste ihres Hauses porträtierte – oder an die umfangreiche und langjährige Sammlung der «Zaubererfotos» (seit 1976), für die sie bisher rund 500 Leute aufforderte, Zauberei vorzuführen, was auch immer das für die Angesprochenen im jeweiligen Moment bedeute.

Ingeborg Lüscher (*1936), «Japanische Glückszettel», aus der Serie «Omikuji» (1995), Fotografien auf Papier, je 50 x 75 cm, courtesy die Künstlerin und die Julius Bär Kunstsammlung

Neben ihren fotografischen Werken, die nach wie vor einen wesentlichen Teil ihres Kunstschaffens ausmachen, entwickelte Lüscher einen unverwechselbaren Stil der abstrakten Malerei und der eher minimalistischen Skulptur, der oft auf einem spezifischen, in der Kunst jedoch höchst ungewöhnlichen Stoff basiert: Schwefel. Er findet sich häufig in Vulkangebieten und ist eine weitere Substanz, die eine starke Verbindung zu Feuer und seiner transformierenden Kraft aufweist, aber auch heilende Eigenschaften hat. Es war jedoch vor allem die hellgelb leuchtende Farbe des Materials, von der die Künstlerin zunächst fasziniert war.

Etwa Mitte der 1980er-Jahre begann Lüscher, Schwefel für abstrakte Gemälde zu verwenden, wie beispielsweise «Ohne Titel (Schwefelvulkan)» (1986), ein Werk aus der Julius Bär Kunstsammlung, das derzeit im Centre culturel suisse in Paris zu sehen ist. Es ist eines ihrer ersten «Vulkanbilder»: eine dunkel-abstrakte Komposition mit einer krustig wirkenden Oberfläche, die an die Erde selbst und an die mythischen tellurischen Kräfte gemahnt. Bei diesen und zahlreichen folgenden Arbeiten nutzte die Künstlerin mit Asche vermischte Acrylfarbe, um dem blendend hellen Schwefelgelb etwas entgegenzuhalten. «Während Schwefel heller als fast alles andere strahlt, ermöglicht das dunkle Schwarz der Asche einen tiefen, allumfassenden Blick nach innen», beschreibt die Künstlerin diese beiden für ihre Arbeit so bedeutenden Materialien. Später schuf Lüscher vergleichsweise grossformatige und minimalistische geometrische Kompositionen, die beide Materialien in scharfen Kontrast und starren Gegensatz zueinander setzten.

In der Kombination von Schwefel und Asche hatte Lüscher eine abstrakte und auffallend leuchtende Verkörperung nicht nur der grundlegenden Dialektik von Gegensätzen, sondern auch ihrer integrierenden Transformation gefunden. Eine kleinere Arbeit wie das fotografische Diptychon «Tegna Fussgänger» (1999, in der Julius Bär Kunstsammlung) beleuchtet beiläufig – ja fast zufällig – dieses für ihren Ansatz so wesentliche Strukturprinzip. In Anlehnung an eine ähnliche Serie zwei Jahre zuvor fotografierte sie hier Fussgängerüberwege im Tessin, in gelbliches Licht getaucht, überlagert von dunklen Schatten und abgesetzt vom Asphalt. Natürlich trägt das Motiv selbst ein gehöriges Mass an Symbolik in sich – ein Übergang von hier nach dort, eine Brücke entlang des Weges –, aber in diesem Werk verbirgt sich noch etwas anderes: «Es faszinierte mich, wie die starren geometrischen Formen begannen, sich abzunutzen», erklärt Lüscher mir, als ich sie nach diesen Arbeiten frage, «mir gefiel, wie sie sich öffnen und ihre strengen Begrenzungen verlieren.»

Ingeborg Lüscher (*1936), «Tegna Fussgänger» (1999), Diptychon, Fotodruck auf Papier, je 77 x 124 cm, courtesy die Künstlerin und die Julius Bär Kunstsammlung

Dies scheint an den Kern von Lüschers Herangehensweise zu rühren: duale Systeme und Gegensätze weniger als geschlossene Einheiten zu betrachten, sondern eher zu betonen, wie sie das Innere mit dem Äusseren, die Kunst mit dem Leben, die anderen mit einem selbst in Beziehung setzen. Mit ihrem ausgeprägten Freiheitssinn und dem Gespür für den Wert des Zufalls behält sie diese Möglichkeiten und das darin enthaltene Transformationspotenzial stets genau im Blick. Denn so unterschiedlich Dinge und Menschen auch sein mögen, so durchlässig sind sie auch und beeinflussen einander in einem Feld aus Kräften und Beziehungen; das Eine existiert nicht ohne das Andere, sie gehören immer zusammen – sogar, wenn wir nach einem wahren Ausdruck des Selbst suchen.

Verpassen Sie nicht die Ausstellung «Ingeborg Lüscher: Flammes» im Centre culturel suisse, Paris, bis zum 26. Juli 2026.

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