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Die Schweiz: Ein Alpines Lied über Eis und Feuer

Manchmal belächelt, oft bewundert und immer wieder beneidet: Das Schweizer Geschäftsmodell verstehen jedoch nur wenige. Es stützt sich auf fünf Grundpfeiler, die Chaos und Unordnung pragmatisch trotzen. Das Resultat ist eine sehr offene, antifragile Wirtschaft, die das Privatvermögen gedeihen und wohl weiter prosperieren lässt.

 

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Es gibt auf der Welt im Moment wohl grössere Probleme zu lösen, als über die Schweiz nachzudenken, dieses kleine Land, das nur 0,11% der Weltbevölkerung beherbergt, doch 0,4% der weltweiten Wirtschaftsleistung generiert und 1,1% des globalen Privatvermögens besitzt (das 4- bzw. 10-fache des globalen Durchschnitts). Die Erfolge der Schweiz widerspiegeln sich auch in weiteren globalen Rankings: Die Schweiz belegt Platz 6 im World-Happiness-Report (Vereinte Nationen 2019), Platz 2 in der Pro-Kopf-Leistung (Internationaler Währungsfonds 2017) und Platz 1 im Globalen Wettbewerbsbericht (Weltwirtschaftsforum 2017-2018). Diese Rankings mögen je nach Quelle, Methodik und Bewertungsjahr variieren. Es fällt jedoch auf, dass die Schweiz stets in der Topliga mitspielt. So lohnt sich denn ein Blick auf die Schlüsselfaktoren hinter der Erfolgsgeschichte dieses kleinen Landes.

Anders und sich klassischen Sichtweisen widersetzend

Als Schweizer und ausgebildeter Ökonom habe ich früh angefangen, das Schweizer Geschäftsmodell mit anderen zu vergleichen, und es hat mich erstaunt, dass viele seiner Charakteristiken sich in vielen Fällen nicht nur von denen anderer Modelle unterscheiden, sondern sogar das pure Gegenteil dessen sind, was die «klassische Sichtweise» suggerieren würde. Im Schweizer Modell verstecken sich Schatzkammern in Bezug auf Währung, Politik, Verwaltung, Aussenbeziehungen – eine Spurensuche lohnt sich. Diese Analyse dürfte nicht nur für Nichtschweizer Weltbürgerinnen und Weltbürger interessant sein, welche die Vorteile schätzen, ausgetretene Pfade zu verlassen. Sie dürfte auch Schweizer Leserinnen und Leser interessieren, denn wahrscheinlich ist den wenigsten unter ihnen bewusst, wie speziell das System ist, an das sie so sehr gewöhnt sind. Werfen wir somit einen Blick auf die fünf Pfeiler, auf die sich das Schweizer Geschäftsmodell stützt.

Pfeiler Nr. 1: Der Schweizer Franken, die Weltweit stärkste Währung, als Alleinstellungsmerkmal

Es herrscht ein weit verbreiteter Konsens darüber, dass die Zentralbank in Zeiten wirtschaftlicher Not am besten die einheimische Währung schwächt. Die Exporte florieren, es kommt zu Wachstum und womöglich steigen auch die Löhne. Auch wenn dies sehr intuitiv sein mag, so fehlen doch empirische Beweise. Ein gutes Gegenbeispiel sind die jüngsten Entwicklungen in der Eurozone, wo die Grenzen des billigen Geldes zur Ankurbelung der Exporte aufgezeigt wurden. Trotz des seit fünf Jahren unterbewerteten Euros scheint die europäische Wirtschaft nicht nachhaltig von den Anreizen der Europäische Zentralbank (EZB) profitiert zu haben. Das Gleiche gilt für Japan, wo dieselbe Medizin während der letzten 25 Jahre fast konstant verabreicht wurde. Manche Ökonomen machten früh geltend, dass diese Beggar-thy-neighbour-Politik («seinen Nachbarn zum Bettler machen») Grenzen hat und nicht auf die gesamte Weltwirtschaft angewandt werden kann. Wenn alle das Gleiche tun, verpuffen die Wettbewerbsvorteile und das Rennen im Wettbewerb um Abwertung beginnt. Die beiden Beispiele «Eurozone» und «Japan» sind in diesem Zusammenhang besonders erwähnenswert, da nicht die gesamte Welt gleichzeitig ihre Währungen abgewertet hat. Und trotzdem waren die positiven Effekte in der Eurozone und in Japan bestenfalls vorübergehend.

Das führt uns zur Schweiz und zu dem, was passiert, wenn ein Land einen entgegengesetzten Ansatz verfolgt. Die Geschichte des Schweizer Frankens zeigt, dass er die weltweit stabilste Währung ist. Die Kaufkraft von CHF 100 im Jahr 1974 hat sich auf den heutigen Gegenwert von CHF 40 abgewertet. Mit anderen Worten: Die Preiserhöhungen von Waren und Dienstleistungen in der Schweiz haben in diesem Zeitraum 60% der Kaufkraft verzehrt. Das ist ein erheblicher materieller Rückgang. Im Vergleich zu anderen Ländern hingegen ist dieser Rückgang sehr solide. In der gleichen Periode verlor der US-Dollar 80% seiner Kaufkraft und einige andere Währungen 95% oder mehr. Die Währungen aller Mitgliedstaaten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) verzeichneten einen Rückgang von zusammengefasst 90%.

Es scheint, dass trotz der kurzfristigen Ankurbelung des Exportsektors und des anschliessenden Wirtschaftswachstums der Verlust der Kaufkraft nicht kompensiert werden kann. Darum ist eine starke Währung – wiederum entgegen der klassischen Sichtweise – für eine Wirtschaft langfristig die grösste Stärke. Im Falle der Schweiz hat sie sich insgesamt als Alleinstellungsmerkmal erwiesen, unabhängig davon, welchen Zeitraum (für den Daten vorliegen) wir betrachten. Es braucht eine starke Währung, um Vermögenswerte gegen das Chaos in dieser Welt zu bewahren.

Pfeiler Nr. 2: Schweizer Politik der steten Verflechtungen

Als Wirtschaftsstudent belegte ich im Nebenfach «Vergleichende Politikwissenschaften». Ich erinnere mich sehr gut an den Tag, als der Professor uns erklärte, das politische System der Schweiz sei – vergleichend ausgedrückt – ein Einparteiensystem. Was? Wie in Kuba oder Nordkorea? Wir waren völlig verblüfft. Auf meine Frage, warum dem so sei, antwortete er kurz und bündig: «Weil Sie als Schweizer Bürgerin oder Bürger ihre amtierende Regierung nicht abwählen können.» Und da ist wirklich etwas dran. Nur für diejenigen, die mit dem politischen System der Schweiz nicht vertraut sind: Wir haben natürlich mehr als eine Partei. Da die Schweiz jedoch ein System der proportionalen Vertretung hat, kann die Mehrheit nicht so einfach – wie beispielsweise in Grossbritannien oder den Vereinigten Staaten – gestürzt werden. Zudem hat die Schweiz mit dem Referendum ein System, das es den Bürgerinnen und Bürgern erlaubt, über alles abzustimmen, von der Immigration bis zur Frage, ob Kühe ihre Hörner behalten dürfen oder nicht (ohne Witz: darüber wurde 2018 abgestimmt). Das bedeutet, dass die Wählerinnen und Wähler immer das letzte Wort haben. Die Parteien sind somit bei all ihren Handlungen zu Kompromissen gezwungen oder erleiden sonst Verluste. Wenn das keine Verflechtungen sind, was sonst? Für das gesamte System ist Folgendes von Bedeutung: Das System der politischen Verflechtungen ist äusserst langsam, ganz auf Kompromiss ausgerichtet und erlaubt keine scharfen Kehrtwendungen. In der Schweiz wäre eine Situation wie in den USA, wo Donald Trump nach sechs Monaten im Amt wesentliche Beschlüsse der Obama-Regierung rückgängig machen konnte, undenkbar. Oder konstruktiver gesprochen: Das Schweizer politische System ist für alle Wirtschaftsakteure äusserst verlässlich, stabil und vorhersehbar. Zumindest im Vergleich zu anderen Ländern der Welt.

Pfeiler Nr. 3: Eine bürgernahe Verwaltung

In seinem erkenntnisreichen Buch «Antifragile» (s. Literaturnachweise) bezeichnet Nassim Nicholas Taleb die Schweiz als die glücklichste Nation der Welt, da sie keine Zentralregierung hat. Das würde vermutlich nicht gut ankommen in Bern, haben wir doch eine Zentralregierung. (Die Existenz einer bedeutenden Zentralregierung ist, historisch gesehen, eher eine neue Entwicklung. Sie wurde nach dem 2. Weltkrieg als Erweiterungsstruktur im Zuge der «Kriegssteuer» eingeführt und war dazu bestimmt, eine zentrale Einrichtung zu ermächtigen, die Bevölkerung gegen die ausländische Kriegsmaschinerie zu verteidigen.) In Talebs Beobachtung liegt jedoch eine gewisse Wahrheit, und zwar bezüglich der Devise, welche die Schweiz bei der Organisation ihrer Gesellschaft hat: «Löse alles auf der niedrigsten Exekutivstufe und delegiere nur, was nicht sofort gelöst werden kann.» Wir nennen es bürgernahe Verwaltung oder Subsidiaritätsprinzip. Beide Namen stehen für eine effiziente Form der öffentlichen Verwaltung, die an den Regierungsausgaben gemessen werden kann. Mit 33% Staatsausgaben im Verhältnis zum Bruttoinlandprodukt rangiert die Schweiz weit hinter der Eurozone, wo der Anteil bei 46% liegt.

Pfeiler #4: Eine devote Haltung in den Aussenbeziehungen

Hier geraten wir für manche Politikerinnen und Politiker in ein Minenfeld. Die Schweiz will im globalen Kontext stark und selbständig erscheinen. Das ist nicht verwunderlich, hatte die Schweiz doch bis 1515 den Status einer Supermacht. Neue Militärtechnologien, wie das Aufkommen von Kanonen, beendeten jedoch die Dominanz der Schweizer Horden auf mittelalterlichen Schlachtfeldern. Leider haben alle ausserhalb der Schweiz vergessen, dass die Schweiz einst den Status einer Supermacht hatte. Das ist verständlich. Aus diesem Grund zeigt die Schweiz heute eine devote Haltung in ihren Aussenbeziehungen (psssst ... sagen Sie das keinem meiner Landsleute). Der Ansatz ist dennoch pragmatisch, da die Schweiz aus der Notwendigkeit eine Tugend macht. Kürzlich nahm ich an einem hochkarätigen Think-Tank in Zürich teil, wo sich alle auf die Schultern klopften, weil die Schweiz keine Handelskriege führt. Mein Beitrag zur Diskussion war Folgender: Wir Schweizer führen keine Handelskriege aus dem einfachen Grund, weil wir es schlicht nicht können. Wir sind zu klein, um unseren grossen Nachbarn Bedingungen aufzuerlegen, und stehen alleine da, wenn sie ihre Kräfte vereinen. Die Agilität der Schweiz in ihren Aussenbeziehungen hat das Land davor bewahrt, gegenüber ausländischen Partnern grössere Fehler zu machen.

Pfeiler Nr. 5: Ausbildung «On the job»

Für viele westliche Wirtschaften erwies sich 2018 der Mangel an qualifizierten Arbeitskräften als Wachstumshemmer. In der Schweiz gaben zwei wichtige Schweizer Unternehmen wegen Arbeitskräftemangel im Ausland Gewinnwarnungen durch, Das Sanitärunternehmen Geberit konnte nicht genügend Fachkräfte finden, um seine Produkte in Deutschland zu installieren. Der Autozulieferer Autoneum «klonte» seine hoch automatisierte europäische Fabrik für den amerikanischen Markt, um dann festzustellen, dass kein amerikanischer Arbeiter die Maschinen bedienen konnte. In der Schweiz zeichnet sich der einheimische Markt durch das duale Bildungssystem aus, das die On-the-Job-Ausbildung im Unternehmen mit dem Unterricht an einer öffentlichen Berufs(fach)schule kombiniert. Mit einem Anteil von 20% oder weniger an Schweizer Jugendlichen, die eine akademische Laufbahn wählen, verfügt die Schweiz dank des dualen Bildungssystem über einen Pool von hochqualifizierten, gut ausgebildeten Arbeitskräften. Sogar Ivanka Trump kam nach der Amtseinsetzung ihres Vaters im Jahr 2017 in die Schweiz, um sich mit dem Schweizer Bildungssystem zu befassen. Wir haben danach nichts mehr von ihr gehört, was seltsam ist, sorgte doch die TV-Sendung «Der Lehrling» für den Fernseherfolg von Donald Trump. Aus irgendwelchen Gründen hat er diese nützliche Idee bisher nur im Fernsehen umgesetzt. Schade.

Herausforderungen und Gefahren

Bevor Sie jetzt womöglich denken, ich hätte mich zuviel mit den amerikanischen Wahlkampagnen befasst und wolle eine Art «Switzerland-first-Bewegung» einführen, beachten Sie bitte Folgendes: Natürlich wurde das Schweizer System vor einigen Jahrzehnten nicht am Reissbrett entworfen. Es ist das Resultat der Lektionen, die eine kleine und offene Wirtschaft aus vielen Jahren der Krise und des Drucks auf das wirtschaftliche und politische System gelernt hat. Die Druckstellen existieren auch heute und werden den Verantwortlichen in Wirtschaft und Politik auch in Zukunft schlaflose Nächte bereiten.

Jetzt, gegen Ende der 2010er-Jahre, ist der Umgang mit dem immensen Druck der Europäischen Union, ihr Projekt zu unterstützen, eine der grössten Herausforderungen für die Schweiz. An der Wirtschaftsfront stellen sich strukturelle Probleme wie die äusserst hohe Verschuldung der privaten Haushalte. Denn eine hohe Verschuldung wird negativ gesehen, entgegen der klassischen Sichtweise. Ich könnte weitere Herausforderungen auflisten, wie die aufgeblähte Bilanz der Schweizerischen Nationalbank als Resultat ihres Kampfes gegen die extreme Frankenstärke. Niemand weiss, ob diese Politik eines Tages fehlschlagen wird.

Wachstum am Widerstand

Die Schweiz ist solchen Herausforderungen in der einen oder anderen Art im Laufe ihrer ganzen Geschichte immer wieder begegnet. Und es waren diese Herausforderungen und Gefahren, die das System stärker und widerstandsfähiger (in Talebs Worten: «antifragiler») gemacht haben – zu einem System, das am Chaos, an der Unordnung und Volatilität wächst. Solche Druckstellen mögen sich in Zukunft verändern und verschieben, aber verschwinden werden sie wohl nicht. Sie werden eher noch zunehmen.

Investieren geht über studieren

Wachstum durch Widerstand spiegelt sich auch in den Investitionen. Da die Schweizer Investoren die weltweit stärkste Währung halten, müssen sie die im Ausland erzielte Performance in Schweizer Franken berechnen. Die Schweizer Finanzvermögenswerte haben ihre ausländischen Gegenparts erstaunlicherweise überrundet. Dies trotz der Tatsache, dass der Schweizer Franken in den letzten 40 Jahren gegenüber anderen Währungen um durchschnittlich 2% an Wert gewonnen hat. Der Grund dafür ist recht einfach: Schweizer Unternehmen mussten sich konstant anpassen, um auch in schlechten Zeiten wettbewerbsfähig zu bleiben. Das Resultat spricht für sich und zeigt Kapitaldisziplin vom Besten – oder zumindest auf relativer Basis – gegenüber den Wettbewerbern in weicheren Währungsregimen. Globale Investoren mögen eine Abkürzung bevorzugen, bevor sie zu Hause ausprobieren, was Jahrzehnte in Anspruch nehmen kann. Sie könnten aufgrund des Erfolgsausweises der Schweiz einen sehr viel höheren Anteil ihres Vermögens in CHF-basierte Anlagen investieren. In der Schweiz niedergelassene Investoren könnten sich auf die Liste der vertrauten Unternehmen verlassen, die ihnen Zugang zu globalem Wachstum verschaffen. Nominal mag das nicht so attraktiv aussehen. Von der weltweit stärksten Währung zu profitieren, das macht den Unterschied. Es könnte an der Zeit sein, Ihr Portfolio mit «antifragilen» Werten zu ergänzen.

Literaturnachweise

Baltensperger, Ernst (2012). ‘Der Schweizer Franken – eine Erfolgsgeschichte’, NZZ Libro.

Baltensperger, Ernst and Kugler, Peter (2017). ‘Swiss Monetary History since the Early 19th Century’, Cambridge University Press.

Taleb, Nassim Nicholas (2012). ‘Antifragile: Things that Gain from Disorder’, Random House.

Tanner, Jakob (2015). ‘Geschichte der Schweiz im 20. Jahrhundert’, C.H. Beck.

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