Das Jahr 2026 begann für Anlegerinnen und Anleger holprig: Seit Jahresbeginn haben Software-Aktien mehr als 20 Prozent verloren, angesichts der Sorge, dass agentische KI Geschäfts- und Erlösmodule von Softwareunternehmen grundlegend infrage stellen könnte. Ähnliches haben wir bereits erlebt, als befürchtet wurde, dass Cloud- und Software-as-a-Service-Modelle (SaaS) klassische Lizenz-, Wartungs- und Serviceumsätze verdrängen.
Chatbots und agentische Systeme, die selbstständig und zielgerichtet handeln können, rücken näher an den Endnutzer und automatisieren Aufgaben, die bislang von Unternehmenssoftware übernommen wurden. Damit erscheint Software plötzlich anfälliger als Hardware. Chips bleiben in diesem Zyklus die wichtigsten Werkzeuge, während ganze Softwarebereiche von den Marktteilnehmern als nicht mehr notwendig eingeschätzt werden.
Das bedeutet nicht den Untergang der Softwarebranche. Vielmehr dürfte nun eine Phase der Differenzierung folgen. Einige Anbieter dürften ihre Intermediärrolle verlieren – bestimmte Funktionen werden zur austauschbaren Standardware, Preismacht schwindet, Vertragsverlängerungen werden infrage gestellt. Andere sind so tief in Kundenprozesse, Compliance-Strukturen und Datenarchitekturen eingebettet, dass sie KI integrieren, ihre Produkte weiterentwickeln und ihre Vertriebsmacht verteidigen können. Der Markt versucht herauszufinden, wer zu welcher Gruppe gehört – und stochert im Nebel.
Welche Unternehmen überleben die KI-Disruption?
Die Verkaufswelle bei Technologieaktien markiert einen kritischen Wendepunkt, ausgelöst durch die rasanten Fortschritte in den KI-Modellen. KI bricht zahlreiche Wertschöpfungsketten auf. Wer auf eine blosse Bewertungsnormalisierung hofft, wird stattdessen vielleicht schwindende Wettbewerbsvorteile beobachten. Nicht das Bewertungsniveau ist entscheidend, sondern die Stärke des Burggrabens.
Die Verkaufswelle zeigt, wie unsicher Anleger und Anlegerinnen bezüglich schwindender Wettbewerbsvorteile und langfristiger Unternehmenswerte geworden sind. Einige wachstumsstarke Softwareunternehmen sind bedroht, da agentische KI-Systeme Aufgaben automatisieren, die zuvor teure Lizenzen pro Arbeitsplatz erforderten. Auch Werbe- und Beratungsunternehmen scheinen nicht zu den Profiteuren zu gehören. Für SaaS-Anbieter zeichnet sich ein schwieriges Umfeld ab, da ihre Wettbewerbsvorteile schwinden.
Wir meiden etablierte Anbieter, deren Geschäftsmodelle auf fragmentierten Schnittstellen beruhen. Denn KI-Agenten navigieren zunehmend direkt durch Desktop-Ebenen und machen Zwischeninstanzen überflüssig. Auch Werbe- und Beratungsplattformen spüren Druck durch eine attraktivere Kundenstrategie: selbst entwickeln statt einkaufen.
Gleichzeitig werden einige Hyperscaler ihr Softwareangebot vertikal erweitern und damit kleinere Anbieter zunehmend verdrängen. Im Gegensatz zu vielen anderen Marktteilnehmern monetarisieren Hyperscaler KI bereits. Gleichzeitig haben sie ihre Investitionsbudgets für das kommende Jahr auf rund USD 685 Milliarden erhöht. Bei spekulativen Start-ups mit KI-Anwendungen und Frontier-Model-Unternehmen sehen wir selektiv Aufwärtspotenzial. Sie bieten hohe Optionalität, leiden jedoch unter hohen Inferenzkosten und einem schwachen Vertrieb.
Wir bevorzugen die physischen Gatekeeper – kapitalstarke Unternehmen, die Hardware für die KI-Infrastruktur liefern. Künftige Kursanstiege werden von den Investitionen der Hyperscaler abhängen. Speicher sind derzeit der zentrale Engpass, sowohl was High Bandwidth Memory, Flash-Speicher und andere Speicherlösungen betrifft. Hier entstehen langfristige Unternehmenswerte, während Unternehmen auf der Anwendungsebene zunehmend unter Druck geraten.
Auch wenn derzeit wahllos verkauft wird, erwarten wir mittelfristig eine klare Differenzierung zwischen vollständig disruptierten Geschäftsmodellen und solchen, die unter Margendruck geraten, weil Software durch KI-Programmierung zur austauschbaren Standardware wird. Wie wir bereits nach dem kurzen Hype um DeepSeek betonten, sind Untergangsszenarien überzogen – insbesondere bei Unternehmenssoftware bleiben die Wechselkosten und der Schulungsaufwand hoch.
Was bedeutet das für Anlegerinnen und Anleger?
Die Verkaufswelle spiegelt die Erkenntnis wider, dass KI Wettbewerbsvorteile von Softwareunternehmen schneller untergräbt als erwartet. Etablierte Workflow-Anbieter und traditionelle Softwarelösungen sind strukturellen Risiken ausgesetzt, da KI-Agenten Benutzeroberflächen zunehmend umgehen. Wir schätzen Cloudcomputing & KI weiterhin positiv ein – mit klarer Präferenz für Hardware und Hyperscaler, da Rechenleistung und Daten weiterhin knappe Ressourcen darstellen.
Ausserhalb der «New Economy» ist das makroökonomische Umfeld überraschend positiv. Risikoanlagen haben weltweit zugelegt, unterstützt durch politische Erholungsrallys in Japan und Thailand sowie einen stabileren Ölpreis, nachdem Gespräche zwischen den USA und dem Iran für Entspannung sorgten. Wichtiger noch: Die Inflation scheint sich beiderseits des Atlantiks zu normalisieren. Damit wächst die Aussicht auf ein Goldlöckchen-Szenario, das durch moderates Wachstum, sinkenden Preisdruck und geldpolitische Flexibilität gekennzeichnet ist. Selbst bei den US-Konsumenten, die sich im letzten Jahr zurückgehalten haben, gibt es positive Signale: Das Verbrauchervertrauen in Michigan erreichte ein Sechsmonatshoch.
Vor diesem Hintergrund gehen wir selektiv vor: Wir bleiben vorsichtig bei Software, bis sich der Nebel lichtet. Halbleiter und Unternehmen, die sich neu erfinden, beurteilen wir hingegen positiv. Zudem sind wir offen für Zykliker, sofern die Inflationsdaten mitspielen.