Die Marktstimmung wird komplexer. Themen rund um künstliche Intelligenz stehen erneut im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, Halbleiteraktien schiessen in die Höhe, und Bewertungssorgen nehmen zu – ausgerechnet jetzt, da einige der grössten Börsengänge seit Jahren bevorstehen. Es liegt nahe, darin ein klassisches Muster einer späten Marktphase zu sehen: euphorische Zukunftsvisionen, gigantische Investitionsprogramme und Börsengänge neuer Techunternehmen, die den Höhepunkt des Zyklus markieren.

Zwischen Hype und Realität: Die IPO-Welle im historischen Kontext

Die Geschichte ist jedoch weniger eindeutig. Frühere IPO-Wellen beendeten nicht immer einen Zyklus: Häufiger spiegelten sie eine hohe Liquidität, eine gesunde Risikobereitschaft und einen Markt wider, der bereit war, zukünftiges Wachstum zu finanzieren – Faktoren, die auch heute noch relevant sind. 

Die jüngste Berichtssaison bestätigt den positiven Trend. Die Hyperscaler lieferten erneut Ergebnisse, welche die Erwartungen übertrafen. Dies zeigt, dass sie die KI-Investitionen erfolgreich monetarisieren können. Das Umsatzwachstum lag bei über 20 Prozent – dem höchsten Wert seit vier Jahren – und das auf einer deutlich grösseren Basis als damals. Dies hat zu einer breiten Kursrallye bei den Unternehmen geführt, die die „Werkzeuge“ für diesen Boom liefern, wie beispielsweise Halbleiterhersteller und andere.

Selbst in den Bereichen Software und Cybersicherheit, die als Verlierer galten, ändert sich das Bild. Die technischen Indikatoren in diesen Sektoren verbessern sich, und die hohe Short-Quote bietet Potenzial für deutliche Kursanstiege, sofern die Nachrichtenlage positiv bleibt. Was bedeutet das für Anlegerinnen und Anleger? 

Wie der IPO-Boom einzuordnen ist

Erstens sollten Mega-IPOs nicht automatisch als Pflichtinvestments für die kommenden zwölf Monate betrachtet werden. Sie sollten jedoch auch nicht als definitive Indikatoren für das Ende eines Zyklus gewertet werden. Viele der grössten IPO-Kandidaten werden erst später in diesem Jahr oder sogar erst Anfang 2027 erwartet. Dies spricht eher für ein konstruktives Marktfenster als für eine unmittelbar bevorstehende Erschöpfung.

Zweitens spricht das breitere Marktumfeld weiterhin für ein selektives Vorgehen. Wir betrachten die bevorstehende Zinserhöhung der Europäischen Zentralbank als wahrscheinlich einmaliges Ereignis, haben unsere Einschätzung für Öl auf «vorsichtig» gesenkt und setzen weiterhin auf die sich abzeichnende Erholung in den Bereichen Software und Cybersicherheit. 

Kurz gesagt: Vorsicht vor Übertreibungen ist angebracht – doch die Euphorie in einzelnen Marktsegmenten sollte nicht mit dem Ende des gesamten Marktzyklus verwechselt werden.

Was Anlegerinnen und Anleger im Blick behalten sollten

Auch wenn die Schlagzeilen derzeit von KI-Euphorie, steigender Inflation oder politischer Unsicherheit geprägt sind, bleibt die zugrunde liegende Botschaft dieselbe: Märkte und Volkswirtschaften bewegen sich selten nur in eine Richtung oder folgen einem einzigen Narrativ. Gerade in einem sich wandelnden Marktumfeld bleiben der Blick auf das Gesamtbild, ein Gespür für Nuancen und ein selektives Vorgehen entscheidend.

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