| "Excellence ist die Fähigkeit, bei jeder Aufführung sein Bestes zu geben. Immer, überall. Egal, wie man sich gerade fühlt". |
Disziplin, Charakter und der unbändige Wille zu siegen: Für die russische Gesangslehrerin Tamara Novichenko sind diese Eigenschaften der Schlüssel zum Erfolg. Etliche ihrer Studenten, zu denen auch der gefeierte Opernstar Anna Netrebko gehört, singen heute auf den renommiertesten Bühnen der Welt.
Frau Novichenko, gibt es eine besondere Methode, im Gesang Perfektion zu erlangen?
Die Methodik ist die folgende: Morgens steht man auf, dann betet man ... Damit will ich sagen, dass man jeden Tag dasselbe tun muss, die gleichen Übungen, die gleichen Abläufe, immer wieder. Auf diese Weise bilden und verfestigen sich Reflexe, die es braucht, um gut singen zu können. Denn Gesang ist eigentlich ein abnormaler Vorgang. Sie und ich unterhalten uns ganz normal. Versuchen Sie aber einmal, das zu singen! Es genügt natürlich nicht, wenn jemand jeden Tag dasselbe tut. Perfektion erreicht erst jemand, der folgende unabdingbaren Anlagen in sich vereint: die Stimme, den Willen, den Charakter, die musikalische Entwicklung und die Erziehung – je reichhaltiger die Erziehung eines Menschen war, desto interessanter ist es, mit ihm zu arbeiten.
Das Konservatorium St. Petersburg, an welchem Sie unterrichten, war die Schule bedeutender Komponisten wie Tschaikowsky, Prokofjew und Rachmaninow. Wodurch unterscheidet sich dieses Konservatorium von anderen Musikhochschulen Russlands?
Durch das Ausbildungsniveau. Unsere Kriterien sind unübertroffen hoch. Gute Sänger, die gleichzeitig gute Lehrkräfte sind, kommen nur selten vor. Entsprechend sind auch die Ansprüche an die Lehrkräfte hoch. Um hier herauszuragen, braucht es vor allem einen starken Charakter und eine immerwährende Suche nach Perfektion.
Unter Ihren Studenten sind viele Preisträger internationaler Wettbewerbe. Die Bekannteste ihrer Schülerinnen bei uns im Westen ist Аnna Netrebko. Womit hat sie Sie am meisten beeindruckt?
Lassen Sie mich es Ihnen so sagen: Am Anfang war sie ein relativ durchschnittliches Mädchen. Sie war sehr nett und gut aussehend. Ihre Stimme war nicht grossartig, aber angenehm. Erst vor Kurzem habe ich meine Aufzeichnungen über sie durchgelesen – ich habe ein kleines Heft, in dem ich meine Eindrücke von den Prüfungen festhalte. So sagte zum Beispiel Professor Lewantow: "Das Mädchen ist sehr konzentriert, und man spürt, dass es alles versteht." Ein anderer Pädagoge bemerkte: "Man fühlt, dass dieses Mädchen willensstark ist." Und das ist es bereits: Sie hat den Charakter, den eine ausgezeichnete Sängerin braucht. Unter all den Stimmen gab es auch bessere, doch von diesen jungen Männern oder Frauen konnte man nicht behaupten, dass sie konzentriert waren oder dass eine besondere Einstellung spürbar gewesen wäre. Bei Anna Netrebko hingegen spürte man das, eine gewisse Härte, den Wunsch, mehr zu erfahren. Sie hatte und hat den Willen und den Wunsch zu siegen! Zu Beginn des dritten Studienjahrs begann ich, sie auf Wettbewerbe vorzubereiten. So früh sind die wenigsten Studenten reif dafür. Offenbar hat es der Herr gut mit ihr gemeint. Später lud sie mich einmal ins Mariinski-Theater ein – sie gab ein Solokonzert. Es war ein ästhetisches Vergnügen! Ich sagte ihr: "Anna, Sie haben mich heute einfach beglückt! Besser geht es nicht." Es war alles da: die Worte, die Präsentation, sogar die Kusshand, die sie mir während der Ovationen zuhauchte.
Was ist das Geheimnis einer erfolgreichen Gesangsausbildung?
In die Ausbildung spielen sehr viele Komponenten hinein, die miteinander im Einklang stehen müssen. Die Beherrschung der Stimme, eine freie Kehle, die Beherrschung der Atmung, die Fähigkeit, sich in den Inhalt des Werks einzufühlen, um alles darstellen zu können, und das Wort, die Aussprache – also insgesamt sehr viel. Von einem Element allein zu sprechen, ist unmöglich. Die Grundlagen müssen vorhanden sein und alle Elemente müssen ausgebildet werden.
Welche Anforderungen stellen Sie persönlich?
Das Wichtigste ist die Stimme. Sie muss von Anfang an qualitativ hochstehend sein. Sie sollte interessant sein, ausserdem sollte man sich vorstellen können, sie weiter auszubilden. Dann ist die äussere Erscheinung sehr wichtig! Es kommt sehr selten vor, dass wir kleine, untersetzte Bewerber nehmen, ausser sie haben eine besonders hervorragende Stimme. Wichtig ist auch, dass jemand, den wir aufnehmen, tänzerisch und schauspielerisch begabt ist. Unsere Studenten müssen in vielen Bereichen künstlerisch begabt sein.
Wie erkennen Sie ein echtes Talent?
Sie meinen sofort, direkt nach der Zulassung zum Konservatorium? So etwas gibt es nicht. Ein Talent offenbart sich erst mit der Zeit. Am Anfang sind alle gleich, wie in einer Herde, einer organisierten allerdings. Sie haben die Stimme, die äussere Erscheinung, sie haben uns schon einiges auf der Bühne gezeigt, und doch sind sie nur Teil einer Herde. Die Individuen bilden sich erst mit der Zeit heraus.
Worauf sind Sie bei Ihrer Arbeit besonders stolz?
Ich bin ein sehr disziplinierter Mensch. Manchmal sogar ekelhaft diszipliniert (sie lacht). Mein Sohn wirft mir das manchmal vor: "Mama, so kann man doch nicht sein!" Ich antworte ihm dann: "Vielleicht so wie du? Du verabredest dich für elf Uhr und schläfst dann selbst noch! Wenn ich elf Uhr sage, stehe ich zwei Stunden vorher auf." Ich denke, dass alle sich zu einem starken Willen, zu Disziplin erziehen sollten. Das stärkt den Charakter. Und das lebe ich meinen Schülern täglich vor.
Haben Sie immer davon geträumt zu unterrichten?
Ja. Erst musste ich natürlich singen, am Theater sang ich alle Partien des Koloratursoprans, doch die Pädagogik interessierte mich viel mehr. Weshalb war mein Gesang trotz aller Anstrengung nicht vollkommen? Ich las und lernte vieles darüber, und allmählich wurde mein eigener Gesang, während ich andere unterrichtete, besser. Das wirkte sich auf meine Arbeit aus – ich wurde sehr genau. Ich unterrichte nun seit über 35 Jahren, ich weiss gar nicht mehr, wie viele Studenten es waren. Etliche von ihnen singen inzwischen im Ausland.
Unterscheidet sich der heutige Unterricht von dem zu Zeiten der Sowjetunion?
Wissen Sie, jede Epoche hat ihre Anforderungen. Es ist schwer zu sagen, ob die Zeiten sich ändern oder die Kriterien. Bei uns bleiben die meisten Kriterien unverändert – unsere Anforderungen an die Sänger sind, dass sie den Belcanto und die Kantilene meistern und dass sie eine Beziehung zur Musik haben. Heute sind die Orchester beispielsweise sehr gross, die muss man übertönen. Wir achten jetzt mehr auf die Atmung. Ich selbst habe schon immer darauf geachtet, denn die Atmung ist das Wesentliche. Hier entstehen alle Variationen, und hier setzt die Arbeit an.
Haben sich die Vorstellungen der Studenten verändert?
Die Studenten sind heute moderner. Sie verstehen gut, dass sie ohne Einsatz, ohne ausgesprochen ernsthafte Arbeitseinstellung überhaupt nichts erreichen. Sie sind härter und anspruchsvoller sich selbst gegenüber geworden. Und heute gibt es überall Wettbewerbe, die Studenten schwimmen geradezu in Wettbewerben. Schon früh entwickeln sie den Willen zu siegen. Schon früh müssen sie sich gegen so viele andere durchsetzen können. So entsteht vermutlich ihre etwas ernstere Einstellung zum Leben. Dann haben sie heute einen anderen Zugang zu Wissen: Sie interessieren sich für alles, sie gehen in die Philharmonie und hören sich Konzerte oder Aufnahmen an. Wir hatten weder CDs noch DVDs noch Internet. Wir waren eine Art Pioniere, sahen uns auch als solche (lacht).
Inwieweit sind musikalische Einflüsse aus anderen Ländern und Kulturen für Ihren Unterricht wichtig?
Sehr wichtig. Wir müssen ja verstehen, welche Anforderungen unseren Studenten in den verschiedenen Ländern gestellt werden, wenn sie dann einmal auf ausländischen Bühnen stehen. Die Anforderungen in Deutschland etwa unterscheiden sich stark von unseren. Leider. Eine meiner Studentinnen, die bald ihr Studium abschliesst, ist an die Dresdner Oper geladen worden. Man sagte ihr, dass man Mozart dort etwas leichter singt. Wir singen Mozart mehr auf dem Atem, damit das f der dritten Oktave auch auf dem Atem erklingt. Weil das Orchester heute Kraft verlangt; inzwischen besteht das Orchester des Mariinski-Theaters aus 130 Personen – versuchen Sie einmal, das zu übertönen. Das wird schwierig, wenn man den Mozart leichter singen sollte. Darum habe ich meiner Studentin gesagt: "Achten Sie auf Ihre Form. Bei diesem Ton kann es sehr schnell vorbei sein mit dem Singen: Die richtige Atmung geht verloren, sie singen mehr aus der Kehle. Die verkrampft sich und die Stimme wird unangenehm, unklar und weniger reich als hier."
Welchen Stellenwert hat für Sie beim Unterrichten die Pflege nationaler Kultur?
Sie ist mir sehr wichtig. Denn wir achten unsere früheren Meister des Gesangs sehr und alle, die hier unterrichtet haben. Ohne sie gäbe es unsere Arbeit nicht. Wir haben grossen Respekt vor ihren Leistungen.
Sie unterrichten Meisterklassen in Russland und im Ausland. Unterscheiden sich russische Studenten von, zum Beispiel, Studenten in Deutschland?
Sehr! Ich habe viele Meisterklassen in Stuttgart unterrichtet, zuletzt zwischen 1995 und 1997. Wenn ich eine russische Meisterklasse unterrichte, handelt es sich um Studenten des dritten oder des vierten Studienjahrs. Die Meisterklassen in Deutschland hatten das Niveau unseres ersten Studienjahrs. Die Ausbildung ist generalisiert. Etwa der Fachbereich Musik: Wer eine Stimme hat, geht ins Singen, wer am Klavier begabt ist, geht in den Klavierunterricht. Bei uns gibt es, zusätzlich zur allgemeinen Ausbildung, die spezielle Ausbildung. Etwa der Fachbereich Gesang: Da konzentriert man sich allein auf die Stimme. Die Studenten in Deutschland kamen also in meine Meisterklasse, und ich musste ihnen erst einmal den Mund öffnen, ihre Kehle lockern, bevor ich ihnen etwas beibringen konnte. Auch in London und Glasgow sind die Anforderungen tiefer, ich musste den Studenten sagen: "Warum singen Sie mit geschlossenem Mund? Sehen Sie doch, wie gute Sänger singen. Sogar das kleine Zäpfchen kann man sehen, so schön öffnen die ihren Mund. Wie soll ein Ton herauskommen, wenn Sie den Mund geschlossen halten?"
Kann jeder Mensch singen lernen?
Singen? Ja, wenn der Charakter stimmt. Wenn die Einstellung vorhanden ist, dieses Ziel unbedingt erreichen zu wollen. Manche nehmen ihre Erfolge und Misserfolge sehr gelassen. Andere durchleben Höhen und Tiefen und wollen im Leben unbedingt etwas erreichen. Alles hängt, wie es scheint, von der Erziehung ab. Die Studenten sind alle sehr verschieden. Wer den Willen hat, kann sehr weit kommen. Vor Kurzem fanden die Prüfungen statt, und eine meiner Studentinnen aus dem vierten Studienjahr erhielt die Bestnote, allerdings mit einem Minus. Die Bestnote für Gesang zu bekommen, ist bei uns nahezu unmöglich. Die Eins bedeutet, hier steht eine fertige Sängerin, und eine Eins minus bedeutet – eine fast fertige Sängerin.
Wie muss man die Stimme pflegen, damit sie auch nach vielen Jahren noch das Publikum begeistert?
Man sollte nichts übertreiben. Wenn am folgenden Tag eine Aufführung stattfindet, ist es besonders wichtig, nicht zu sprechen und seine Kräfte zu schonen. Schweigen ist Konzentration. In Gesprächen vergeudet man Kräfte, die man sparen sollte. Damit sie sich in der Aufführung entfalten können.
Welche Tipps geben Sie den Studenten gegen die Aufregung vor einem Auftritt?
Wenn ein aufgeregter Student vor seinem Auftritt zu mir kommt, sage ich ihm mit strenger Stimme: "Was soll das? Sie haben nicht das Recht, aufgeregt zu sein und sich zu fürchten. Reissen Sie sich zusammen und konzentrieren Sie sich!" Sie lachen dann und sagen, dass ich sie wie eine Kobra hypnotisiere.
Verstehen Sie, ich erziehe sie zu einem starken Willen. Es ist leicht, der Stimmung nachzugeben, dieser Angst – aber man darf es nicht zulassen! "Nein, ich bin nicht aufgeregt, bei mir ist alles in Ordnung." Ich wiederhole es immer wieder für sie: Am unteren Rücken etwas pressen, als ob Sie Ihr grosses Geschäft auf der Toilette erledigen wollen, so bleibt Ihr Atem ruhig. Seien Sie ganz bei sich, gehen Sie hinaus, verbeugen Sie sich, atmen Sie durch die Nase, damit der Mund vor Aufregung nicht austrocknet und konzentrieren Sie sich. Lassen Sie auf keinen Fall zu, dass die Angst in Ihnen aufsteigt, denn sobald das geschieht, ist alles vorbei, und Ihre Stimme wird zittern.
Was bedeutet für Sie der Begriff Care?
Care ist Fürsorge, sie gehört für mich auch zur Charaktererziehung. Ich bin ein sehr gutherziger Mensch, aber auch sehr anspruchsvoll. Mir ist es wichtig, die Studenten zu innerer Disziplin zu erziehen, damit sie später im Leben, wenn sie allein weitermachen, nicht den Überblick verlieren oder sich wegducken. Wenn sie mit Disziplin und Willenskraft durchs Leben gehen, werden sie unbedingt Erfolg haben. Das gilt für alle Menschen, aber für Sänger ist es lebenswichtig, ohne diese Eigenschaften wird ihnen nichts gelingen!
Was assoziieren Sie mit dem Wort Passion?
Passion, das ist Leidenschaft für die Musik. Leider ist die nur wenigen gegeben. Leidenschaft ist Talent! Wenn jemand talentiert ist, dann hat Gott ihm die Leidenschaft in die Wiege gelegt. Leidenschaft ist Tatkraft gepaart mit Disziplin. Es kommt vor, dass ein Student noch nicht singen kann, aber eine so leidenschaftliche Natur hat, dass er unwillkürlich in den Übungen zu improvisieren beginnt. An unserem Mariinski-Theater gibt es die Solistin Marina Shaguch, eine meiner Schülerinnen. Valeri Gergijew nimmt sie oft mit zu Konzerten. Im Jahr 2002 wurde sie zum besten Sopran der Welt gekürt, damals sang sie Verdi an der Scala. Gergijew erzählt, dass in ihren Partien das b sehr lang gehalten werden muss und dass der Saal einmal schweigend aufstand, aber nicht, um zu applaudieren, sondern um zuzuhören. Dann gab es begeisterte Ovationen, und das Publikum wollte dieses Fragment nochmals hören. Alle waren von diesem Ton so verzaubert, dass sie sich nicht bewegten, um jeden Atemzug zu hören. Das ist für mich ein wunderbares Beispiel dafür, was die Leidenschaft einer jungen Frau bewirken kann.
Und was ist Excellence, Frau Novichenko?
Excellence ist die Fähigkeit, im Bühnengeschehen aufzugehen und bei jeder Aufführung sein Bestes zu geben. Immer, überall. Egal, wie man sich gerade fühlt. Einige, die Leidenschaftlichen, können einen sogar erstaunen und mehr zeigen als im Unterricht. Das Publikum beflügelt sie. Nicht alle können sich vom Publikum inspirieren lassen, das ist eine bedeutende, seltene und wertvolle Gabe. Denn meistens lastet das Publikum auf der Psyche der Künstler. Sie strahlen dies aus und kommen beim Publikum weniger gut an. Aber wer sich wünscht, vor Publikum aufzutreten, ist wirklich Herr seiner Aufgabe. Auch das ist eine Frage des Charakters. Sehen Sie, wie viel beim Singen auf Charakter und Willen basiert?
Was erwarten Sie von einer Excellence-Bank?
Banken betreiben natürlich ein sehr spezifisches Geschäft, über das ich im Detail natürlich nicht so gut Bescheid weiss. Mir scheint, wenn eine Bank ihre Pflichten gewissenhaft ausübt, alles termingerecht, vertragsgemäss und diszipliniert ausführt, so, wie es sein sollte, dann ist die Aufgabe der Bank bereits erfüllt. Exzellent ist eine Bank, die das in sie gesetzte Vertrauen jederzeit rechtfertigt. Immer und überall.