| "Excellence im Komponieren eines Whiskys kann man nur bedingt trainieren. Man muss es in seiner DNA haben." |
Für Rachel Barrie, Master Blender bei Glenmorangie, ist ein guter Malt Whisky Leidenschaft, Musik, ein lukullischer Genuss. Die Schottin, die sich als intuitive Wissenschafterin bezeichnet, hat eine ausgezeichnete Nase. Sie kann in Malt Whisky mühelos Hunderte verschiedener Aromen feststellen.
Was ist das Geheimnis einer ausgezeichneten Spirituose?
Es liegt im Verweben all der feinen Schichten komplexer Aromen. Diese sind meistens in einem sehr einfachen und natürlichen Prozess entstanden, der über die Jahrhunderte unverändert blieb. Bei Glenmorangie zum Beispiel ist ein Teil des Geheimnisses, wie die gemälzte Gerste erst die saftigen fruchtigen und blumigen Aromen freigibt, die dann während der Destillation in speziellen eleganten Pot Stills, angereichert werden. Zum Geheimnis gehört auch, wie sich all diese verführerischen und saftigen Duftstoffe mit den während des Reifeprozesses freigegebenen, reichen und opulenten Aromen der alten Fässer vermischen. Und das Geheimnis besteht in der perfekten Harmonie all der verführerischen Aromen, welche die Sinne betören.
Welches sind Ihre Favoriten?
Ich arbeite seit etlichen Jahren bei Glenmorangie und lernte die Produkte sehr intensiv kennen. Ich liebe Glenmorangie heiss. Glenmorangie Ten Years Old ist wie eine wunderbare Melodie, unglaublich verlockend für die Sinne, beinahe so harmonisch, wie es gute Musik für das Ohr ist. Sehr entspannend, sanft, mühelos. Zweifellos ist Malt Whisky in der Spirituosenkategorie mein Favorit.
Was würden Sie einem Whisky-Neuling empfehlen?
Anfangen würde ich mit Glenmorangie Ten Years Old, weil er so mühelos ist. Sehr sanft, seidig glatt, sehr einfach zu trinken. Dann, wenn das Bewusstsein geschärft ist, entdeckt man Schicht um Schicht mehr Komplexität.
Was würden Sie einem Whiskykenner schenken?
Entscheidend ist der persönliche Geschmack in der ganzen Bandbreite von Alter und Reifung, weniger, ob Sie ein Neuling oder Connaisseur sind. Wenn Sie beispielsweise ein reiches, schokoladiges, blumiges Aroma lieben, ist der Glenmorangie Port Wood Finish wegen seiner dunklen Aromen - Schokolade, Minze und Rose - das Richtige. Wer dagegen reichhaltige Früchte mag, getrocknete Früchte, Weihnachtspudding und Honigwein, wird den Glenmorangie Sherry Wood Finish lieben. Und wem leichte Früchte, Zitrusfrüchte und süsse Desserts am besten zusagen, Pfirsich und Vanille, dem empfehle ich den Glenmorangie Ten Years Old.
Wann haben Sie Ihre Leidenschaft für Whisky entdeckt?
Meine Eltern tranken beide Whisky, an Weihnachten, Neujahr oder Feiern durfte ich ein Schlückchen kosten. Den Geschmack von Whisky kenne ich schon lange, auch wenn es anfangs nur darum ging, daran zu schnuppern, um zu wissen, wie er riecht. Als Erwachsene habe ich einen guten Malt Whisky immer genossen. Und als ich begann, mit Whisky zu arbeiten, wuchs meine Leidenschaft, je besser ich Whisky kennen lernte.
Als Master Blender sind Sie ständig auf der Suche nach Excellence. Was braucht es in Ihrem Job dazu?
Vor allem die angeborene Fähigkeit, Sinneseindrücke und Aromen zu entdecken und zwischen ihnen zu unterscheiden. Ob man das hat, kann man mittels eines Sinnestests feststellen. Die Fähigkeit, Aromen zu finden und sie präzis zu beschreiben, ist in den Genen. Man hat es oder eben nicht. Als Nächstes muss man die Sinne trainieren, um all die verschiedenen Aromastoffe und Gerüche identifizieren zu können, vor allem in Malt Whisky und Scotch Whisky. Dazu muss man Tausende Proben erschnuppern. So erweitere ich ständig meinen Gedächtnisspeicher all der unterschiedlichen Sinnesprofile und Aromen, die man im Whisky entdecken kann – von der jungen Spirituose in der Brennerei über die Jahre der Reifung zu den exquisitesten alten Jahrgängen. Dies vermittelt das nötige Wissen, die nötige Erfahrung und Fähigkeit. Motivation und Leidenschaft gehören unabdingbar dazu, ebenso wie ein forschender Geist, der ständig die Bandbreiten von Aromen lernen und entdecken will. Ebenso wichtig ist eine akribische Aufmerksamkeit fürs Detail und das Bestreben nach Perfektion.
Muss man als Master Blender ein Perfektionist sein?
Absolut. Ganz klar. Das Ziel eines Master Blenders ist, immer wieder das perfekte Gleichgewicht von Aromen, Geschmäcken und Konsistenz zu erreichen. Dazu ist eine kompromisslose Hingabe beim Streben nach exzellenter Qualität vonnöten. Komplexitäten entstehen durch die Unterschiede der Natur, der Gerste, der Eiche. Die Arbeit eines Master Blenders besteht darin, mit all diesen Komplexitäten zu arbeiten und jedes Mal den von ihm erwarteten fantastischen Geschmack zu liefern. Excellence im Komponieren eines Whiskys kann man nur bedingt trainieren. Man muss es in seiner DNA haben.
Der Geruch und der Geschmack von Whisky werden durch etliche Dinge beeinflusst, welche es schwer machen, ihn zu managen. Könnten Sie ein paar Details nennen?
Malt Whisky ist die komplexeste Spirituose der Welt. Dies haben wir anhand der Anzahl analysierter Bestandteile herausgefunden. Malt Whisky weist die grösste Bandbreite von Aromen auf. Deren Komplexität wird beeinflusst von den natürlichen Bestandteilen, der gemälzten Gerste, die auf einem Feld wuchs, den Eichenfässern, die zum Teil aus hundertjährigen Eichen bestehen. Ein weiteres Element der Komplexität sind die Eigenarten im Produktionsprozess – wie destilliert wird, die Destillationsrate, die Temperaturen bei der Fermentierung. Dann gibt es die Einflüsse der Natur, der Geologie, der wechselnden klimatischen Bedingungen. All dies beeinflusst das Wachstum der Bestandteile und kann auf die Aromaentwicklung während der Destillation und des zehnjährigen Reifungsprozesses in Eichenfässern einwirken. Meine Arbeit besteht darin, diese Komplexitäten, von der Gerste zum reifen Produkt, zu verstehen und die Auswahl der reifen Bestände zu managen, dies stets auf der Suche nach dem perfekten Gleichgewicht von Aromen.
In einem gross angelegten Projekt untersuchten Sie 10'000 Fässer Malt Whisky, um den Geschmack jedes einzelnen festzustellen. Dies dauerte drei Jahre. Worum ging es?
Ziel war, einen Exzellenz-Standard für Glenmorangie zu definieren. Dies geschah hauptsächlich unter Einbezug der ausgeklügeltsten Analysetechniken und des bestausgebildeten sensorischen Gremiums und meiner eigenen Nase. Wir wollten ermöglichen, dass Whisky auf einem sonst unerreichten vortrefflichen Qualitäts- und Konsistenzniveau reproduziert wird. Dies ist Pionierforschung, das gewonnene Wissen hat uns detaillierte Einblicke gegeben - in die Qualität der Fässer und des gesamten Bestandesprofils und in den Einfluss verschiedener Lagerstandorte auf die Reifung. Ich untersuchte auch die komplexe Beziehung zwischen den jungen, klaren und farblosen Destillaten und der reifenden Spirituose, die während der 10-jährigen Reifung im Fass atmet. Jedes einzelne Fass Malt Whisky ist anders.
Wissen Sie nun alles über Whisky?
Keineswegs. Es gibt immer mehr Unbekanntes im Whisky als Bekanntes, das ist ja das Aufregende. Die Natur ändert sich, all die Einflüsse um uns herum wirken auf den Whisky ein. Die Entdeckungsreise in der Wissenschaft und Technologie von Malt Whisky endet nie.
Sie erschnuppern jedes Jahr ungefähr 5000 Fässer, um die Auswahl zu treffen. Wie viele Proben sind dies am Tag?
Natürlich errieche ich nicht Hunderte Proben täglich. Ich habe freie Tage, Tage, wo ich anderswie beschäftigt bin. An einem Tag kann ich etwa 200 Whiskyproben erschnuppern und ihren Geschmack und ihr Profil beurteilen.
Whiskyprobieren war mal ein Job für Kaderleute. Sie haben dies geändert. Woran erkennen Sie ein Talent?
Um ein Talent zu erkennen, braucht es einen sensorischen Test, wie einen Hörtest in Musik. Wenn ein olfaktorisches Orakel, wie ich es nenne, sich während eines Tests herauskristallisiert, kann man zum vertieften Training übergehen.
Welche Herausforderungen stellen sich einer schönen Frau in einer Männerdomäne?
Die Herausforderung besteht darin, die richtige Balance zwischen Job, sozialem Leben, Familie und meinen drei Kindern zu finden. Ansonsten ist es heute ein positiver Aspekt, als Frau in diesem Beruf zu arbeiten. Der Gebrauch der Sinne, Emotionen und Intuition gepaart mit Wissen und dem Streben nach Erfolg bei der Suche nach Excellence, ermöglicht es Frauen, einen wesentlichen Beitrag in dieser Branche zu leisten.
Haben Frauen die bessere Nase als Männer?
Ich habe nicht die gesamte Menschheit getestet. Allerdings fand eine Studie heraus, dass der Geruchssinn einer Frau besser ausgeprägt ist als der eines Mannes. Östrogene können anscheinend die Geruchsgenauigkeit erhöhen.
Sie werden weltweit an Whiskykongresse eingeladen, was erzählen Sie den Zuhörern?
Immer etwas Persönliches. Von meiner Leidenschaft für Whisky, dem Herstellungsprozess, der Geschichte und wie er sich über die Jahrhunderte entwickelt hat. Ich versuche Menschen eine Tür zu öffnen, damit sie Whisky auf jeder Ebene entdecken können.
Eigentlich haben Sie Medizin studiert, dann wechselten Sie zur Chemie, weshalb?
Ich realisierte früh, dass ich für eine medizinische Karriere zu sensibel bin. Ich liebe die kreative Seite der Wissenschaft, intuitive Wissenschaft. Chemie ist der Motor, der alles antreibt. Wir sind von Chemie umgeben. Chemische Reaktionen sind alltäglich in der Whiskyproduktion – bei der Fermentierung setzen sie die fruchtigen Aromen aus der gemälzten Gerste frei, bei der Destillation entstehen neue Aromastoffe durch Katalyse, und während der Reifung verändern sich die Aromen in einem komplexen Mix chemischer Reaktionen. Mit Chemie bin ich eindeutig auf dem richtigen Weg gelandet. Ich bin froh, dass ich damals auf meine Instinkte gehört habe.
Bei Ihrer Arbeit vermischen Sie Ratio mit Intuition. Das Ergebnis?
Ich denke, dass Sinne und Gefühle nicht von Vernunft und logischem analytischem Denken getrennt werden können. Gemeinsam machen sie uns zu dem, was wir sind, eine Kombination der rechten und der linken Gehirnhälfte. Bei meinem ersten Eindruck eines Whiskys verlasse ich mich stark auf meine Gefühle, Emotionen und Sinne, dann entwickle ich mit logischem Denken die Theorien und Ideen, den Whisky zu mischen, um etwas Spezielles zu kreieren.
Als Kind wollten Sie erst Ballerina, dann Konzertpianistin werden. Waren dies bloss Kindheitsträume?
Eindeutig, ja. Ich war eine sehr leidenschaftliche Tänzerin und Pianistin. Es floss einfach durch meine Adern. Allerdings ist Musik nicht bloss ein Kindheitstraum, im Gegenteil. Musik, Tanz, Whisky, all dies bereichert das Leben ungemein.
Was haben Musik und ein guter Whisky gemeinsam?
Der Glenmorangie Ten Years Old ist vergleichbar mit einem Chopin-Walzer. Als Komponist war Chopin ein romantischer Held. Seine Musik und Glenmorangie sind beide wunderschön und ruhig. Seine Musik ist wie die Noten in diesem Whisky, sanft und mühelos für die Sinne.
Sie realisierten früh, dass Sie sehr geruchsempfindlich sind. War das immer von Vorteil?
Es macht das Leben definitiv interessanter. Ich kann nicht anders, als Gerüche zu erkennen und zu identifizieren. Klar, wenn Aromen sehr intensiv oder streng sind, ist es natürlich kein schönes Erlebnis. Parfümerien etwa riechen für mich oft zu intensiv. Ich ziehe komplexe, subtile Aromen einem einzigen intensiven Aroma vor.
Was bedeutet für Sie Excellence?
Excellence bedeutet, aussergewöhnliche Qualität zu erreichen, in allem, was man macht, im Beruf, beim Hobby. Ein Individuum muss eine angeborene Fähigkeit haben und sehr hart an deren Entwicklung arbeiten. Dies kommt durch Hingabe, Motivation und die Leidenschaft, sich noch ein bisschen mehr zu fordern, um mehr zu entdecken und immer nach dem Besten zu streben.
Was erwarten Sie von einer exzellenten Bank?
Dass sie auf meine Bedürfnisse zugeschnitten ist oder dass ich zumindest das Gefühl habe, dass es so ist. Qualitativ hochstehender Service und Kommunikation sind sehr wichtig. Ich möchte als wichtiger Kunde wahrgenommen werden, auf dessen Bedürfnisse eingegangen wird.
Das Interview wurde auf Englisch geführt.